Tiergeographie

Tiergeographie
Tier|geo|gra|phie 〈f. 19; unz.〉 = Tiergeografie

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Tier|geo|gra|phie usw.:
Tiergeografie usw.

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Tiergeographie,
 
Zo|ogeographie, die Wissenschaft von der geographischen Verbreitung und Ausbreitung der Tiere auf der Erde; Teilgebiet der Biogeographie. Die Tiergeographie baut auf den Ergebnissen faunistischer Bestandsaufnahmen und den Erkenntnissen anderer biologischen Disziplinen sowie von Geologie, Geographie, Paläontologie und Klimatologie auf. Sie trägt jedoch auch zur Lösung von Problemen dieser Wissenschaften bei. So ist die Theorie der Kontinentalverschiebung einerseits eine wichtige Grundlage für die Klärung vieler ehemaliger Ausbreitungswege, andererseits wird sie durch die Tiergeographie auch gestützt.
 
Die deskriptive Tiergeographie beschreibt die gegenwärtige und ehemalige Verbreitung der Tiere. Sie gliedert sich in die Chorologie (Arealkunde; Beschreibung der Areale von Populationen und Arten), die systematische Tiergeographie (Beschreibung der Verbreitung höherer systematischer Gruppen) und die biozönotische Tiergeographie (Beschreibung der Verbreitung von Lebensgemeinschaften), die auch als geographische Zoologie der zoologischen Geographie (Faunistik; Beschreibung der Tierwelt eines bestimmten Gebietes) gegenübergestellt werden.
 
Die kausale Tiergeographie erforscht unter Berücksichtigung ihrer Ausbreitungsmöglichkeiten die Ursachen der Verbreitung der Tiere. Sie gliedert sich in die ökologische Tiergeographie (Erklärung der Verbreitung der Arten mit ihren ökologischen Möglichkeiten und Ansprüchen), die historische Tiergeographie (Erklärung der Verbreitung mithilfe der Stammesgeschichte der Tiere und durch Rekonstruktion der geographischen und klimatischen Gegebenheiten der Vergangenheit) und die experimentelle Tiergeographie (Überprüfung der Ursachen der Verbreitung durch Experimente; z. B. Neubesiedlung von Inseln).
 
Die komplexen Fragestellungen der modernen Tiergeographie lassen sich jedoch meist nicht entsprechend einordnen. Die Inseltheorie macht aufgrund von Modellrechnungen Vorhersagen über die Artenzahl auf Inseln (positiv wirken sich Nähe und Artenreichtum der Küsten, die Ausgangspunkt der Besiedlung sind, und die Größe der Insel aus). Da sie auch auf inselartige Vorkommen auf dem Festland anwendbar ist, hat sie einen wichtigen Beitrag für das Verständnis isolierter Lebensräume und die Gefährdung ihrer Lebensgemeinschaften geliefert und große Bedeutung für Naturschutzprobleme erlangt. So macht sie z. B. verständlich, dass eine Art in einem unveränderten Biotop A verloren geht, weil Biotop B zerstört wurde, der bisher gelegentlich Verstärkung oder Ersatz lieferte, wenn die Bedingungen in A ungünstig waren.
 
 Gliederung der Lebensräume
 
Die deskriptive Tiergeographie gliedert die Lebensräume der Landtiere in Regionen, Subregionen und Provinzen (synonym werden auch die Kategorien Reich, Region und Subregion gebraucht). Die Grenzverläufe sind umstritten (1954 lagen 78 Klassifikationen vor), da für einzelne Tiergruppen oft unterschiedliche Grenzen gezogen werden müssten. Die klassische Gliederung beruht weitgehend auf der Verbreitung der Vögel und Säugetiere. Die tiergeographischen Regionen stimmen oft in den Kernbereichen mit den Florenreichen der Pflanzengeographie überein. Die Zusammenfassung von tiergeographischen Regionen zu Faunenreichen wird so unterschiedlich gehandhabt, dass hier darauf verzichtet wird. Übergangsgebiete mit aus Elementen der angrenzenden (Sub-)Regionen bestehenden Mischfaunen existieren zwischen der Neotropis und der Nearktis in Mittelamerika, zwischen der Äthiopis und der Paläarktis in Nordafrika und dem Vorderen Orient, zwischen der Orientalis und der Paläarktis in Südostasien und zwischen der Orientalis und der australischen Region (Australis) in der durch die Lydecker- und die Wallace-Linie begrenzten Wallacea.
 
Die Einheitlichkeit der Tierwelt der Holarktis beruht einerseits darauf, dass es zumindest während des ganzen Tertiärs keine Landverbindung zwischen Nord- und Südamerika gegeben hat, und dass andererseits zwischen Nordamerika und Eurasien eine länger dauernde Landverbindung (Beringbrücke) im Bereich des Beringsmeers bestand. Deshalb ist die Tierwelt Nordamerikas der Eurasiens ähnlicher als der Südamerikas. Die Holarktis ist durch die pleistozänen Eiszeiten viel stärker beeinflusst worden als die anderen Regionen und letzten Endes in ihrer (des Klimas wegen ohnehin unterdurchschnittlichen) Artenzahl verarmt. Zu den etwa 5 000 gemeinsamen Tieren der Holarktis gehören z. B. Bison, Rentier, Eis- und Braunbär, Wolf, Elch, Maulwürfe, Biber, Raufußhühner, Salamander, Olme, Hechte, Barsche, Lachse und Störe. Trotz der Gemeinsamkeiten sind Unterschiede zwischen ihren Subregionen nicht zu übersehen. In der Paläarktis erschwerten die in Ost-West-Richtung verlaufenden Gebirgszüge eiszeitlicher Rückzugs- und nacheiszeitlicher Wiederausbreitungsbewegungen. Die Kenntnis der eiszeitlichen Rückzugsgebiete (Glazialrefugien) ist für das Verständnis der heutigen Fauna von großer Bedeutung. Endemische Tiergruppen der Paläarktis sind Gämsen, Saigaantilopen, Moschustiere, Schlafmäuse, Springmäuse, Braunellen, Winkelzahnmolche und Scheibenzüngler. Die Vogelwelt des riesigen Gebiets setzt sich fast ausschließlich aus weit verbreiteten Gruppen zusammen. Die Artenzahl ist mit etwa 1 100 niedriger als z. B. die Kolumbiens (mehr als 1 500 Arten). Die Nearktis ist durch die Eiszeiten weniger stark betroffen worden. Endemische Tiergruppen sind Gabelböcke, Bergbiber, Taschenratten, Kängururatten, Truthühner, Krokodilschleichen, Krustenechsen, Schwanzfrösche, Querzahn-, Aal- und Armmolche. Von Süden her sind aus der Neotropis viele Tiere eingewandert (z. B. Opossum, Baumstachelschwein, Kolibris und Neuweltgeier).
 
Gemeinsame Tiergruppen der Paläotropis (früher zusammen mit der Holarktis zur Arktogaea zusammengefasst) sind Elefanten, Nashörner, Hyänen, Stachelschweine, Schuppentiere, Menschenaffen, Meerkatzen, Loris, Nektarvögel, Bülbüls, Prachtdrosseln, Honiganzeiger, Nashornvögel, Eierschlangen, Chamäleons, Flugfrösche und Messerfische. In der Äthiopis, die Bestandteil des Großkontinents Gondwana war, haben sich vorpleistozäne Tiergruppen erhalten, die aber hinter den später eingewanderten zurücktreten. Charakteristisch sind Gorillas, Schimpansen, Zebras, Giraffen, Flusspferde, Erdferkel, Goldmulle, Mausvögel, Perlhühner, Sekretäre, Afrikanische Strauße, Schuhschnäbel, Schlangenechsen, Flösselhechte, Afrikanische Lungenfische und Zitterwelse. Die Tierwelt Madagaskars ist so eigentümlich, dass man sie als eigene Subregion (Madagassis) auffasst. Da die Orientalis Ursprungsgebiet zahlreicher Tiergruppen und vor der Faltung des Himalaja Durchgangsgebiet war, ist die Zahl endemischer Tiere gering, z. B. Pelzflatterer, Spitzhörnchen, Gibbons, Koboldmakis, Blattvögel, Pfauen, Großkopfschildkröten und Gaviale.
 
Besonders reich an Endemiten ist die Tierwelt der Neotropis (Südamerika) und der australischen Region oder Notogäa (Australien). Die Antarktis (Antarktika, Archinotis) wird nicht immer als eigene Region betrachtet.
 
Der Lebensraum der Meerestiere gliedert sich in Litoral, Pelagial und Abyssal. Für die Tiere des Litoral ist die Tiefsee Ausbreitungsschranke. Sie sind relativ großen Temperaturunterschieden ausgesetzt, und ihre Areale werden oft durch Süßwassereinströme begrenzt. Daher ergibt sich eine geographisch kleinräumigere Gliederung als für das Pelagial. Dieses ist mehr durch ökologische als durch historische Faktoren geprägt und wird - weitgehend den Klimazonen entsprechend - in die tropische (Warmwasser-)Region und die boreale und antiboreale (Kaltwasser-)Region gegliedert. Das Abyssal ist der bei weitem größte und bisher am wenigsten erforschte Lebensbereich der Erde. Er ist durch den völligen Lichtmangel, niedrige, relativ gleich bleibende Temperaturen, Nahrungsarmut und tiefenwärts zunehmenden Wasserdruck gekennzeichnet. Durch die Gleichförmigkeit der Tiefsee und den Mangel an Barrieren haben die meisten Tiefseetiere eine weite Verbreitung, meist über zwei, drei Ozeane. Wirksame Ausbreitungsschranken sind untermeerische Schwellen, die Nebenmeere, z. B. Mittelmeer und Rotes Meer, von den freien Ozeanen trennen. Diese haben eine stark reduzierte Tiefseefauna und infolge der Isolation viele endemische Arten.
 
Durch den Einfluss des Menschen (Verschleppung, Neueinbürgerung, Ausrottung u. a.) werden die Grenzen der Tierregionen neuen Veränderungen unterworfen, die zum Teil zu erheblichen Störungen der Lebensgemeinschaften führen und eine Verwischung der natürlichen Lebensbereiche zur Folge haben werden. Auch für den Menschen können große Schäden entstehen, wie z. B. durch Bisamratte und Kartoffelkäfer in Mitteleuropa, durch die Achatschnecke als Überträger von Pflanzenkrankheiten in Südostasien oder durch viele zu Kosmopoliten gewordene Vorratsschädlinge.
 
 
G. de Lattin: Grundr. der Zoogeographie (Jena 1967);
 J. Illies: Einf. in die T. (1971);
 Paul Müller: T. (1977);
 E. Thenius: Grundzüge der Faunen- u. Verbreitungsgesch. der Säugetiere (21980);
 U. Sedlag: T., in: Die große farbige Enzykl. Urania Tierreich, Bd. 7 (1995).

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Tier|geo|gra|phie, (auch:) Tiergeografie, die: Geozoologie.

Universal-Lexikon. 2012.

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